Volkstrauertag in Odersbach: wie jedes Jahr fand eine kurze Gedenkfeier am Friedhof statt. Pfarrerin Cornelia Stock hielt eine kleine Andacht zum Thema Frieden und wies auf eine neue Denkschrift der EKD hin , die ihrer Meinung nach richtungsweisend ist. OV Jürgen Deuster wünscht sich für das nächste Jahr, die Gedenkfeier in anderer Form zu feiern, um mehr Beteiligung zu erreichen, denn der Tag als Gedenktag ist aktueller denn je.
Die Rede des Ortsvorstehers: Am Volkstrauertag gedenken die Menschen in Deutschland der Opfer der beiden Weltkriege sowie des Nationalsozialismus. So war es immer in den vergangenen Jahrzehnten. Auf der Internetseite des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge sind in der Gräbersuche 21 Odersbacher dokumentiert, wo deren Gräber gesichert gefunden worden sind oder man sie vermutet, von Italien bis Sibirien. Wieviele es mehr sind, weiß ich nicht, aber damals war Oderbach noch nicht so groß und beinahe jede Familie hatte Opfer zu beklagen. Bedenkt man die Gesamtzahl von beinahe 5einhalb Millionen Toten und Vermisste, kann man sich das Ausmaß des Leides in allen Ländern nicht wirklich vorstellen.
Nun sind die Weltkriege so lange her, dass die meisten Menschen, gerade viele junge Menschen, keine Erinnerung mehr an die Opfer und Gefallenen haben. Die Namen der Toten sind häufig längst in Vergessenheit geraten und die Zahl der Angehörigen, die sie betrauern, nimmt ab. Da stellt sich die Frage:
Brauchen wir den Volkstrauertag also noch?, sogar als staatlicher Feiertag? Die Antwort ist ein glasklares JA, er ist sogar hochaktuell. In Zeiten, in denen jüdische Mitbürger auf offener Straße attackiert werden, in Zeiten, in denen auch muslimische Mitbürger ihrer Rechte beraubt werden sollen - in diesen Zeiten ist die Erinnerung wichtiger, denn je. Gleichzeitig tobt in der Ukraine ein verbrecherischerer Angriffskrieg und im russischen Staatsfernsehen fabuliert man von der Vernichtung Europas. Im Sudan werden Tausende von Menschen hingerichtet und ermordet. Die Bilder aus dem Gaza-Streifen oder aus Syrien zeigen uns die Verzweiflung der Überlebenden, die Zerstörung und Verwüstung der Städte und ganzer Landstreifen.
Der Tag hat sich von einem reinen Soldatengedenktag zu einem breit angelegten Mahn- und Erinnerungstag entwickelt, der auch aktuelle Konflikte einbezieht und an das Leid heutiger Kriegsopfer und Flüchtlinge erinnert. Der Volkstrauertag ist mehr als nur ein Eintrag im Kalender; er ist ein Spiegel unserer Geschichte und ein Kompass für unsere Zukunft. Er zwingt uns, innezuhalten und uns mit den grausamen Realitäten von Krieg und Unterdrückung auseinanderzusetzen, die einst unser Land und die Welt heimsuchten und dies leider auch heute noch tun. Es ist ein Tag, an dem wir uns nicht nur an die Toten erinnern, sondern auch an die Lehren, die aus ihrem Leid gezogen werden müssen, um eine Wiederholung solcher Tragödien zu verhindern. Und das ist das, woran uns der Volkstrauertag erinnert: Nein zu Krieg, Nein zu Despoten, Nein zu Rassismus und Fremdenhass. Der Volkstrauertag ist aktueller denn je. Der Grundgedanke Nie wieder, der nach dem Zweiten Weltkrieg das Entstehen unseres Grundgesetzes prägte, muss wie die Inhalte des Grundgesetzes wieder mehr in den Blickpunkt gerückt werden, weil innere und äußere Bedrohungen zunehmen.
Die meisten Feiern zum Volkstrauertag, wie auch unserer, laufen genau so ab: Kranzniederlegungen und getragene Reden – modern klingt anders.. Nach meiner Meinung sollte sich das ändern, um diejenigen zu sensibilisieren, die keine persönlichen Erfahrungen haben mit Unterdrückung und Krieg, die Frieden und Demokratie für selbstverständlich halten. Das fängt zuhause an. Der Volkstrauertag kann Anlass sein, mit Kindern über die Bedeutung von Frieden, Toleranz und Demokratie zu sprechen. Vielleicht haben die Großeltern oder andere Familienmitglieder eigene Erinnerungen oder Familiengeschichten, die sie erzählen können. Diese Geschichten sollten aufgeschrieben und für die Nachwelt erzählt werden. Leider habe ich es verpasst, diese Geschichten von meinem Verwandten zu sammeln, von meiner Mutter, die als 15jährige aus dem Luftschutzkeller lief während Bomben auf Gräveneck fielen, um die Milch für ihre einjährige Schwester zu erwärmen und dann wieder in den Keller zu laufen, von meinem Opa, der bei Buderus heimlich Kriegsgefangenen Essen mitbrachte und von polnischen Soldaten vor den Augen seiner Familie verprügelt wurde, weil er sich zum Schutz vor seine drei Töchter stellte. Meinen Onkel aus Siebenbürgen, der als Fallschirmjäger in russische Gefangenschaft kam, meinen Vater, der heimlich Kartoffeln organisierte in Zeiten, wo es kaum etwas zu essen gab. All diese persönlichen Familiengeschichten sollten gesichert werden, um den Menschen heute deutlich zu machen, was den Wert des Friedens, der Demokratie und der Toleranz ausmacht. warum es so wichtig ist, sich dafür einzusetzen und ihn nicht als selbstverständlich anzusehen. In Amerika sehen wir, wie schnell eine Gesellschaft unversöhnlich gespalten, demokratische Grundsätze ausgehebelt werden durch einen irrationalen Führer und seine Anhänger mit einem beinahe religiös motivierten Nationalismus. Hass im Inneren und die Suche nach Sündenböcken führt auch zum Hass gegen Äußeres.
Daher wäre es schön, wenn es in Zukunft gelänge, andere Formen des Gedenkens des Volkstrauertages zu finden, in denen mehr Menschen aktiviert werden, zum Beispiel durch das Sammeln persönlicher Geschichten und durch eine Ausstellung „Odersbach erinnert….“ .

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