Bund der Vertriebenen Ortsgruppe Odersbach



Ansprechpartner:

BdV – Ortsverein Odersbach
Dürerstr. 1
35781 Weilburg
Norbert Felkl
Telefon: 06471 – 27 87

"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart ." Richard von Weizsäcker


 


Der Verein hat gegenwärtig nur noch 4 Mitglieder.

Persönlicher Bericht von Norbert Felkl (2011)

Die wilde Vertreibung aus Bohnau 1945

 

Zwei Monate nach Kriegsende und vier Tage vor der Potsdamer Konferenz (17.7.-2.8.1945) fand am Freitag, dem 13.7. 1945 in Bohnau die wilde Vertreibung  (geschichtlicher Hintergrund bei wikipedia) statt.

Vom 12.7. zum 13.7. ließ die andauernde Schießerei nicht Gutes ahnen und im Morgengrauen begann das Inferno. Pünktlich um 5 Uhr wurde mit dem Gewehrkolben an die Hoftür getrommelt und ein Tscheche schrie: "Sofort aufmachen und anziehen". Er sagte weiter, dass wir in 30 Minuten das Haus verlassen müssten. Es handelte sich dabei um meine Mutter (Cecilie Felkl), meinen Bruder Reinhard und mir (Norbert jun.). Mein Vater, Norbert Felkl sen., war bereits vorher nach Russland verschleppt worden, wo er am 6.9. 1945 bei Stalino (jetzt Doncek, Ukraine) verstarb. Mitnehmen durften wir nur Kleider, Schuhe und etwas zu essen, was in einem Koffer als Handgepäck hineinpasste. Die Auswahl war nur spärlich, da beim Einmarsch der Russen wir von den Tschechen ausgeraubt wurden. Die Tschechen überwachten alles und trieben uns dann zur Sammelstelle im Meierhof. Das Sprechen untereinander war streng verboten. Wir wurden aufgefordert, Wertgegenstände, Uhren, Geld, Sparbücher und sonstige persönliche Dokumente abzugeben. Dann ging der Fußmarsch nach Zwittau los. Kleinkinder und alte Leute, die nicht mehr laufen konnten, wurden auf Leiterwagen verfrachtet. Später konnten auch Frauen, die ihre Koffer nicht mehr tragen konnten, diesen auf die Leiterwagen stellen. So wurden wir wie Rinder mit Peitschen zum Sammelplatz in Zwittau getrieben, welcher sich in der Nähe des ehemaligen Ausstellungsgeländes beim Bahnhof befand. Dorthin wurden an diesem Tag auch Leidensgenossen der anderen deutschen Dörfer aus dem Bezirk Politschka gebracht, insgesamt 2500 Personen.

Bewacht wie Schwerverbrecher kauterten die Menschen nachts zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen.  Am nächsten Tag begann das Verladen der Menschenfracht in offenen, von Kohlenstaub total verschmutzten Waggons. Dicht gedrängt fuhren wir 5 Tage durch tschechisches Gebiet. Ab Böhmisch Triebau glich die Fahrt einem Spießrutenlauf. Uns wurde schimpfend mit Fäusten gedroht, wobei die Frauen sich am Fanatischsten gebärdeten. Von Brücken, die über die Bahnstrecke führten, warf man mit Steinen nach uns und vereinzelt wurden sogar Fäkalien herabgeschüttet. Die unterwegs Verstorbenen mussten auf Bahnhöfen zurückgelassen werden. Nach fünftägiger Fahrt kamen wir in Tetschen-Bodenbach, unweit der sächsischen Grenze, an.

 

Ein Teil unseres  Transportes erhielt dort Wasser und manche angeblich auch etwas zu essen. Als das eingestellt wurde, versuchten diejenigen, die noch nichts erhalten hatten, bei der Lokomotive während der Wasserübernahme ein paar Tropfen aufzufangen. Als das die Bewacher sahen, schossen sie über die Köpfe hinweg, so dass die halbverdursteten Menschen panikartig in die Waggons flüchteten, um nicht erschossen zu werden. In diesem Juli war eine sehr große Hitze. Weiter ging die Fahrt durch das total zerbombte Dresden nach Riesa an der Elbe in Sachsen. Dort hielt der Zug absichtlich auf der hohen Brücke über der Elbe. Hier kam es zu erschütternden Szenen. Menschen, die das Schicksal nicht ertragen konnten, sprangen in die Elbe und nahmen so den Freitod. Weiter ging die Fahrt durch Sachsen, wo wir nach siebentägiger Bahnfahrt am 20.7.1945 in Falkenberg ankamen. Mein Großvater mütterlichseits und ich kamen auf einen Bauernhof, der von den Russen vollständig ausgeraubt war. Meine Mutter und mein Bruder kamen in dem unweit benachbarten Kölsa wieder. Drei Wochen später wurden wir weiter nach Kolpien, Kreis Schweinitz, verfrachtet. Hier wohnten wir mit 4 Personen in einem Zimmer ein Jahr lang. Unsere Verwandten aus Mährisch Rothmühl wurden in 1946 vertrieben und kamen nach Hessen in die amerikanische Zone. Diese besorgten uns von der amerikanischen Besatzungsmacht eine sogenannte "Zuzugsgenehmigung". Daraufhin übersiedelten wir im Juli 1946 nach Hessen.

Dies ist meine Kurzfassung meiner Leidensgeschichte mit deren Folgen auf Grund der wilden Vertreibung